Als ich auf die Welt kam, habe ich gleich gespürt, daß ich auch etwas mit der Fastnacht zu tun haben muss. Kaum ein paar Tage alt, habe ich zurückgerechnet und bin zu der Feststellung gekommen, daß elf weniger neun zwei ergibt. Und im zweiten Monat des Jahres geht es ganz schön närrisch und so weiter zu. Von diesem Februar ab hat es mich schon gejuckt, obwohl ich eigentlich noch gar nicht da war.
In den Anfangsjahren hat es aber nicht so richtig klappen wollen. Meine Eltern haben mich zwar immer mitgenommen wenn die Fastnacht gefeiert worden ist. Aber ich war nun mal noch ein elendes, verschrumpeltes Würmchen.
Aber in den nächsten Jahren floß sehr viel Wasser die Kinzig hinunter. Ich habe mich zu einem Knaben entwickelt. Und ich kann mich heute noch gut daran erinnern, als ich die erste Hexe sah. Das ist mir vielleicht in die Knochen gefahren! Aber seit dieser Stunde ließen sie mich nicht mehr los. Und Jahr für Jahr renne ich ihnen hinterher. Egal wo sie auch sind in unserer Stadt.
Ich habe so viel schöne Erinnerungen, daß ich sie gar nicht alle aufzählen kann. Was hatte ich für eine Freude, als ich die erste Wurst beim Wurstfangen vor der Einhorn-Apotheke erwischt habe. Sie war zwar total mit Senf verschmiert, aber das war mir egal. Wichtig war mir nur: Eine Wurst von einer Hexe!
Was habe ich mir schon den Hals mit "Schelle, schelle, Sechser.. ." heiser gebrüllt, Hose und Jacke zerrissen - schön war es! Noch heute ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich am Fastnachtsdienstag eine Wurst fange. Und was habe ich dann eine Freude, wenn ich sie erwische. Doch es hat ja genug kleine Knaben und Mädchen, für die das eigentlich gedacht ist. Deshalb schenke ich sie dann wieder her.
Als ich mich so allmählich zu einem "Halbstarken" entwickelt hab, bin ich dann in die Oberrheinhalle auf den grandiosen Hexenball geschlichen. und habe mir die ersten Sporen beim tanzen und flirten verdient. Dort habe ich dann auch zum ersten Mal einen Hexenspuk gesehen. Das war vielleicht ein Ereignis! Was die Hexen dabei gemurmelt und gemeckert haben weiß ich bis heute nicht. Das ist mir aber auch egal. Es hört sich heute noch genauso wahnsinnig gut an, daß es einem kalt den Rücken hinunter läuft. Überhaupt habe ich im Verlauf dieser Jahre viele schöne Stunden mit den Offenburger Hexen verbracht, ob am Hexenbesenstellen, am Narrentag, am Mützenball-Abend oder wenn ich auf diesen geschnitzten Stühlen in der Hexenküche saß, beim Hexentreiben in der Stadt, an der Fastnachtstaufe - egal, es hat mir immer gut gefallen.
Wenn diese wahnsinnig schnell gewachsene Strohhexe am Fastnachtsdienstagabend in den Himmel brennt, dann freue ich mich schon wieder auf das nächste Jahr; wenn die für mich schönsten Hexen die es gibt, wieder ihr Unwesen treiben. Dass die Offenburger Hexen nicht aussterben, kann ich schon daran sehen, dass mein Töchterchen - auch mit Hexennahrung grossgezogen - schon die gleiche Neigung hat wie ihr Vater, und das freut mich.