„Schelle Schelle Sechser, alli alti Hexe – Narro!“

Wenn dieser Ruf durch die Offenburger Altstadt schallt, dann ist sie wieder da die Fasentszeit mit ihrer ausgelassenen Fröhlichkeit, ihrem bunten Treiben und ihren Offenburger Hexen. Viele Jahrzehnte lang vollführen diese krummnasigen, spitzkinnigen und brolläugigen Gestalten ihre tollen Besensprünge, oder zelebrieren ihr gespenstisch-teuflisches Hexenritual. Fröhliche Angst und heiteren Schrecken verbreitend, fahren sie auf ihren Besen in die Menge und den kreischenden Frauen ins Haar. Mit fester Hand greifen sie sich hier und da ein Opfer heraus, mag es sich noch so wehren, und sperren es in den hölzernen Käfig. Und wenn sie gar einen Prominenten erwischen, zeichnen sie ihn auf ewig und alle Zeiten mit „glühendem“ Stempel als Fasentnarren. Wo’s hoch hergeht, sind sie dabei, die Offenburger Hexen. Sie gehören eben zur Fasent „wie’s Salz an d‘ Supp“!

Doch wo kommen sie her? lrgendwer muß sie irgendwann einmal erdacht haben. Irgendwo müssen sie einmal Gestalt angenommen haben.

Nun, das Fastnachtstreiben läßt sich hierzulande weit zurückverfolgen. Schon 1483 wird von der Herrenfastnacht des deutschen Adels berichtet, zu der Philipp I. viele geistliche und weltliche Würdenträger nach Offenburg eingeladen hatte. Daß die Fasnacht auch vom gemeinen Volk gern und ausgiebig gefeiert worden sein muß, läßt sich unschwer aus den vielen kirchlichen Verboten erkennen. 1776 kann man von einem Fasnachtsumzug der Franziskanermönche lesen. Und aus dem Jahr 1844 ist noch das Programm über „die Geburt des Hanswursts“ erhalten.

In den Jahren um die Jahrhundertwende organisieren sich die ersten närrischen Vereine. Von Bällen wird berichtet und von Fasnachtsspielen. Immer wiederkehrende Gruppen und Figuren entstehen, so das räsonierende Biedermeierpaar Veef und Andres, die Dominos und die Schnaigerinnen mit ihrem spitzen Mundwerk. Auch ein Elferrat nach rheinischem Vorbild wird gebildet. Immer neue, immer fantastischere Kostüme werden erdacht, doch eine typische Straßenfasentfigur ist nicht dabei.

Angeregt durch den alten Offenburger Fasentruf „Schelle, schelle Sechser, alli alti Hexe!„, kommt im Jahr 1933 ein junges Offenburger Pärchen auf die Idee, eben diese „alti Hexe“ zum Leben zu erwecken.
Es ist die erste Hexe in der südwestdeutschen Fastnacht!
Wie hätten sie damals ahnen können, daß sie eine Figur schaffen, die Jahrzehnte später hundertfach kopiert die Straßen beherrschen wird.

Aber – Gedacht, getan. Mit Freude und Begeisterung werken, kleben, kitten und nähen sie an einer Hexenmaske. Strohzöpfe hängen sie ihr an und stecken sie unter ein rotes Kopftuch. Rock, Schürze, alte Unterwäsche sind schnell besorgt und auch der Besen, der nun mal zu einer zünftigen Hexe gehört. Aber – die erhoffte Wirkung bleibt aus. Ganze zwei Jahre dauert es noch, bis sie mit ihren wilden Sprüngen und Neckereien Erfolg haben. Freunde und Bekannte finden sich bereit, auf der Straße mitzuspringen, natürlich auch als Hexen. Fleißig geht es bei Vollmers – so hieß das junge Paar nämlich – ans Basteln, Flechten und Nähen. Schon bald gleicht die „gute Stube“ eher einer Scheune. Dafür aber steht jetzt eine kleine Gruppe Hexen für die Straßenfasent bereit. Es sind dies: Ehepaar Karl und Pauline Vollmer, Karl Wacker, Ernst Heinzelmann, Karl Otto Schimpf, Heiner Doll, Willi Gehring, Herbert Fehrenbach und Elisabeth Wacker.

Beim Narrentreffen der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte 1935 schmuggeln sich einige Hexen in den Umzug und erregen mit ihrem wilden Treiben Aufsehen. Am Dreikönigstag 1936 wird in der Wohnung der Hexeneltern die offizielle Gründung der „Offenburger Hexenzunft“ mit Satzung und Hexenregeln nachgeholt, damit alles seine Richtigkeit und Ordnung hat. Natürlich gehört zu einem echten Hexenritual auch ein wohl geplantes Zeremoniell, denn Maske und Kostüm allein machen keine Narrenzunft, schon gar keine Hexenzunft. So werden Hexenspuk, Hexenfeuer, Besentanz festgelegt, Sprüche am dampfenden Kessel erdacht und die Ehrung der Gäste und „hochgestellten Persönlichkeiten“ durch Stempelung d. h. durch „die Vergabe des ehrenvollen Hexenzeichens“, erfunden.

Ganz getreu den Entwürfen Karl Vollmers, hatte der Elzacher Künstler Fritz Disch die Hexenmasken geschnitzt. Einheitliche Kopftücher, rot mit weißen Punkten über ein Drahtgestell in Form einer gotischen Haube waren besorgt und Hexenkostüme angefertigt worden! Jede Maske hatte sechs strohgeflochtene Zöpfe an denen kleine Schellen hingen. Die Füße steckten in Ringelsöckchen und Strohschuhen. So springen die Hexen dann bald beim Narrentreffen 1936 in Oberndorf a. N. mit im Zug umher. Vor ihnen ein eigenes Täfelchen darauf steht: „Offenburger Hexenzunft“.

Mit Witz und viel Schwung bringen sie es so weit, daß die Presse und der Rundfunk über sie berichten. Sie werden bekannt. Man lobt sie als bestgelungene Neuschöpfung einer Narrenzunft. Schritt für Schritt, Sprung für Sprung geht es voran: 1937 Aufnahme in die Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte. 1938 großes Hexenfeuer beim Narrentreffen in Überlingen. Erfolg: ein Bildbericht in der ,Berliner Illustrierten‘. Im gleichen Jahr entsteht die erste Hexenküche. Im Anwesen der „Tante Lina“ alias Frau Pfitzmeier erhält die Zunft einen Raum in dem sie werken und planen kann. Aber auch Gäste werden hier empfangen und natürlich verhext. So ist z. B. einer der ersten Prominenten der „Alte Fritz“ oder richtiger gesagt sein berühmtester Darsteller – Otto Gebühr! Er quittiert diesen Hexenspuk mit einem begeisterten „Pfui Deibel!“

Der Zweite Weltkrieg setzt dem Narrentreiben ein jähes Ende. Und als noch eine Bombe die Hexenküche zerstört, ist den Hexen vollends der Spaß vergangen. Alles scheint vorbei zu sein. Aber was kann schon echte Fasnachtsnarren unterkriegen?! So dauert es auch nicht lange, bis sich das Narrenblut wieder regt. Karl Wacker gelingt es, die Kellerräume der ehemals Tritschlerschen Brauerei am Lindenplatz zu erwerben. Mit Fleiß und Begeisterung geht es still und heimlich an den Ausbau einer neuen, schöneren Hexekuchi.

Nach dem Krieg ist zunächst alles Fasnachtstreiben verboten. Schließlich aber hat die Besatzungsmacht ein Einsehen und läßt die Neugründung der Hexenzunft zu. Allerdings mit der Einschränkung: keine Straßenfasent und Larven! Doch ein Narr wäre kein Narr, wenn er sich nicht zu helfen wüßte. Anstatt in den Straßenerscheinen am Fasentsonntag 1947 die Hexen allesamt in den Fenstern der Einhorn-Apotheke und der gegenüberliegenden Rentamtsruine. Mit diesem Streich umgehen sie geschickt das Verbot und können frohgemut Würscht, Wecke, Apfel und Gutsele (offenburgerisch für „Bonbon“) in die Menge werfen, was in dieser kargen Zeit (vor der Währungsreform) eine Sensation ist. Laut zeitgenössischen Berichten spielten sich hierbei tumultartige Szenen ab. Aber: Eine neue Form für den „Hexenfraß“ war gefunden!

Auf viele Bitten hin wagen die Hexen 1948 – noch vor der Währungsreform – den ersten Hexenball. Es ist der erste Ball überhaupt nach dem Krieg. Und – wer hätte das gedacht – er wird ein Riesenerfolg, wenn sich auch ein jeder sein Essen und Trinken selbst mitbringen muß. Seither wird ein Hexenball schöner als der andere – und voller! So kommt es, daß man 1958 aus dem Saalbau des „Drei-König“ in die Stadthalle wechseln muß, 1963 in die Oberrheinhalle und 2006 in die Ortenauhalle.

1956 überträgt der Hexenvater Karl Vollmer das Amt des Zunftmeisters dem Organisator des Hexenkellers und Gründungsmitglied, Karl Wacker. Schon vier Jahre nach seinem Amtsantritt muß Karl Wacker aus gesundheitlichen Gründen die Führung der Hexenzunft seinem Hexenmeister Hans Metzger anvertrauen. Beide Ämter waren damit wieder in einer Person vereinigt wie damals zur Gründungszeit.

1972 wurde Walter Pfeiffer das hohe Amt des Zunft- und Hexenmeisters übertragen. Unter ihm ist die Zunft, die 1935 mit einigen begeisterten Fasentnarren begonnen hatte, zu einer Narrenvereinigung von über 1000 aktiven und passiven Mitgliedern herangewachsen. Nach Abwicklung des „Goldenen Hexenfest“ anläßlich des 50-jährigen Bestehens der Zunft, übergab Walter Pfeiffer im Sommer 1985 die Führung der Zunft an den langjährigen Aktiven Wolf-Dieter Kleinert. Unter dessen Regie konnte die Offenburger Hexenzunft im Jahre 1988 nach 1964 zum zweiten Mal als Mitausrichter des Großen Narrentreffens der „Vereinigung“ viele Narrenfreunde in Offenburg begrüßen. Im Sommer 1993 wurde dann Hans-Georg Roth als Nachfolger von W.-D. Kleinert, der nach 8 Jahren Amtszeit nicht mehr zur Verfügung stehen konnte, zum Zunft- und Hexenmeister gewählt.

Nach ebenfalls acht sehr erfolgreichen Jahren, in denen er unter anderem die so beliebten Kappenobende wieder ins Leben rief und auch dem Hexenball seinen „Stempel“ aufdrückte, legte Hans-Georg Roth sein Amt nieder. Im Juli 2001 übernahm Uwe Schreiner, der bis dahin als Zunftrat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit schon sehr erfolgreich tätig war, die Führung der Zunft. Bereits vor seinem Amtsantritt organisierte er den Gang ins Internet und läutete in der Hexenzunft das digitale Zeitalter ein. Zum 70-jährigen Jubiläum der Zunft belebte Schreiner den Kappeobend durch eine Flaniermeile in der Steinstraße, da die Wirtshäuser nach und nach leider wegbrachen. Gleichzeitig musste die Zunft mit dem Hexenball in die Ortenauhalle umziehen. Auch für neue Gaumenfreuden
wurde die Hexenzunft nun bekannt. Eigene Weinkreationen wie die „roodi Hex“ und die „gelbe Hex“ fanden reißenden Absatz. Das 75-jährige Zunftjubiläum feierte
die Zunft unter Regie von Uwe Schreiner mit einem herrlichen Festabend in der Reithalle, bei dem alles anwesend war was Rang und Namen hat. Ein Wagnis war wohl der Umzug des Hexenballs aus den Offenburger Messehallen in die Zell-Weierbacher Abtsberghalle. Aber auch das wurde mit Bravour gemeistert. Zu
guter Letzt verlegte Schreiner den Kappeobend in die „Offenburger Unterwelt“ und traf auch mit dieser Entscheidung den Nerv der Zeit. Getreu seinem Motto: „Neuen Entwicklungen Raum geben, ohne Traditionen zu verlieren!“ In der heutigen Zeit, in der ein solch verantwortungsvolles Ehrenamt immer schwerer auszuüben ist, hat Uwe Schreiner nach 16 Jahren die Verantwortung in jüngere Hände abgegeben.

Am 11.11.2017 wurde sein bisheriger Vize Sven Schaller als Zunftmeister verpflichtet. Ihm wurde die Liebe zur Offenburger Hexe-Fasent schon in die Wiege gelegt, denn bereits sein Großvater war eine Offenburger Hexe und viele Jahre im Zunftrat aktiv. Mit Sven Schaller hat die Zunft den jüngsten Zunfmeister ihrer Geschichte, dem jedoch die Pflege der Offenburger Fasent und die Weitergabe an die nächsten, närrischen Generationen eine Herzensangelegeheit ist. Getreu seinem Motto „Tradition heißt nicht das Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers”.