Warum Fastnacht?

Nach der Christianisierung Deutschlands im frühen Mittelalter war in der 40tägigen Fastenzeit der Verzehr von tierischen Produkten wie Fleisch, Wurst, Eiern, Milch, usw. verboten. Es lag also nahe in den Tagen vor der Fastenzeit diese Nahrungsmittel restlos aufzubrauchen, da Kühlschränke und Konservierung noch unbekannt waren. Dies geschah anfangs in zügellosen Gelagen, die nach und nach in geregelte Bahnen gelenkt wurden. – Der Beginn der Fastnacht!
Der strengen Kirche war dies ein Dorn im Auge, da Enthaltsamkeit damals ein oft gepredigtes Wort war. Die Fastnacht entwickelte sich dadurch zur „Antikirche“ dem Gegensätzlichen, das durch Musik, Tanz, und schließlich sogar Maskerade einen Gegenstaat zur Kirche bildete. Dies steht sogar in den Psalmenhandschriften. Der 52. Psalm beginnt mit den Worten: „Dixit insipiens in corde suo: non est Deus – der Narr sprach in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott.“ Etliche mittelalterliche Fastnachtsverbote versuchten dem Treiben Einhalt zu gebieten – ohne Erfolg. Die Protagonisten waren damals das niedere Bürgertum wie Bauern und Handwerksburschen. Der Name „Zunft“ als Zusammenschluß hat sich hieraus bis heute erhalten. Erst später begann auch der Adel sich mit der Fastnacht zu beschäftigen, finanzierte dies mitunter sogar und holte die besten Fastnachter als Hofnarren zu sich.
Wer sich fragt, warum fast alle Narren Schellen oder Glocken tragen, findet die Antwort… in der Bibel! Unter 1. Korinther, 13 steht zu lesen: „Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nur ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“ Merke: Winteraustreibung ist also Quatsch! Nach der lutherschen Reformation verschwand in vielen protestantischen Gebieten die Fastnacht, da es in der evangelischen Kirche keine Fastenzeit gibt. Somit ging hier dem Fest davor die Grundlage verloren. Die Frage warum in Norddeutschland die Fastnacht nahezu unbekannt ist, ist somit auch beantwortet.

Fastnacht, Fasching, Karneval?

In Deutschland begegnen uns vor der Fastenzeit für den Mummenschanz die drei Begriffe Fastnacht, Fasching und Karneval. Diese drei Begriffe führten zu einer Begriffsverwirrung. Menschen verschiedener Herkunft gebrauchen diese drei Wörter; der Rheinländer schwärmt von seinem Karneval, der Bayer liebt seinen Fasching, und der Alemanne und der Oberschwabe hängen an ihrer Fasnet.
Damit ist schon gesagt, daß der Begriff Fasnet oder Fastnacht in Südwestdeutschland gewachsen ist. Die Fastnacht ist aber nicht nur im Land, sondern auch auf dem Land gewachsen. Sie ist örtlich stärker verwurzelt als der oft verstädterte Karneval oder Fasching. Wesen und Erscheinungen der schwäbisch-alemannischen Fastnacht sind für den, der nicht mit ihnen groß geworden ist nur schwer verständlich. Sie erschließen sich nicht rasch, sie erscheinen beim ersten Begegnen fast ungesellig, so wie Alemannen und Schwaben anderen deutschen Stämmen manchmal zurückhaltend und verschlossen vorkommen. Die eingängigeren und geselligeren Formen des Karnevals und des Faschings haben daher auch in Südwestdeutschland nur die meisten Groß- und Mittelstädte erobert; die Fastnacht dagegen – zum Export ungeeignet – verbleibt in ihren Naturräumen.
Heute wird in den meisten Städten im Norden des Landes Baden-Württemberg nur wenig von Fastnacht, dafür aber viel von Karneval und Fasching gesprochen. Diese Feststellungen sollen nicht werten und nicht richten, da alle Formen ob Karneval, Fasching oder Fastnacht einen gemeinsamen Ursprung haben.

Die Herkunft der Namen!

Da der Fastnacht immer eine mystische Erscheinung nachgesagt wurde, stellten einige selbsternannte „Brauchtums- und Volkskundler“ deren Ursprung als Winteraustreibung in den heidnisch-germanischen Totenkult. Diese Auslegung sollte sich als „urdeutsches“ Brauchtum über den Karneval und Fasching stellen. Im Dritten Reich passten diese Atributte natürlich genau ins Konzept, so daß diese Version der altgermanischen Fastnacht unterstützt und sogar gefördert wurde. Kirchliche Nachweise und Belege wurden von den Nazionalsozialisten natürlich rundweg abgelehnt und unterdrückt. Diese „germanische Totenkult-Variante“ fand bis in jüngster Zeit immer noch eifrige Verfechter.
Heute ist sich die moderne Volksforschung jedoch einig, daß Fastnacht nichts anderes bedeutet, als die letzte Nacht vor der Fastenzeit. Der Name stammt im Ursprung also von der Fastenzeit her, bzw. dem Fest davor. Fastnacht nennen wir die Tage von Dreikönig (6. Januar) – oder im engeren Sinne – die Zeit von Donnerstag vor Estomihi bis Aschermittwoch. Fastnacht bedeutet also einen Zeitabschnitt und nicht nur einen Tag oder eine Nacht. Entsprechend der Bildung Weihnachten – auch ein Zeitbegriff, der mehrere Tage umfaßt und mit einer alten Mehrzahlform von Nacht gebildet ist.
Den ältesten schriftlichen Nachweis für die Form Fastnacht finden wir in Wolfram von Eschenbachs Parzival aus dem Jahre 1206. Er schreibt im VIII. Buch in der 8. und 9. Zeile des 409. Verses:
„Das diu koufwip ze Tolenstein
an der vasnaht nie baz gestriten.“

Neben der im schwäbisch-alemannischen Sprachgebiet verbreiteten mundartlichen Form Fasnet für Fastnacht, treffen wir in einem Teilgebiet der Schwarzwälder Fastnachtslandschaft auch noch die Mundartformen Fasent oder Fasend. Das bajuwarische Wort Fasching soll sich aus Fa-Schank gebildet haben, wobei sich kaum nachweisen läßt, ob es aus Faß-Schank oder aus Fasten-Schank entstand. Das Wort Vaschang taucht zum ersten Mal in der Passauer Weberordnung vom Jahre 1283 auf, und in seiner heutigen Form Fasching wurde es durch den Sueboalemannen Hans Ulrich Megerle aus Kreenheinstetten, dem unter dem Namen Abraham a Santa Clara bekannten Wiener Hofprediger verbreitet. Das Wort Karneval stammt vom lateinischen carne vale ab und bedeutet übersetzt „Fleischwegnahme“ in Bezug auf die kommende Fastenzeit.

Die Hexe in der Fastnacht!

Das heutige Wort Hexe ist erst im späten Mittelalter durch die Hexenverfolgungen bekanntgeworden. Es geht auf die alte Form hagazussa zurück, das wörtlich „Zaunreiterin“ bedeutet. Der Begriff Hexe ist vielschichtig und umfaßt ein menschenfressendes Wesen (vergl. Gebr. Grimms „Hänsel & Gretel“) ebenso wie eine liederliche Weibsperson, eine Zauberin oder einen Spaßmacher.
Sollten wir nicht gerade an die letzteren Bedeutungen denken, wenn wir die Hexen als Narrengestalten verstehen wollen, zumal sie in der Hauptsache nur von Männern dargestellt werden? Die Hexe wurde in vielen Narrenorten in den lokalen Mummenschanz mit der Begründung einbezogen, daß im Mittelalter oder auch noch im 17. Jahrhundert in den betreffenden Orten Hexenprozesse und Hexenverbrennungen stattgefunden hätten. Diese Begründung ist abwegig. Der mittelalterliche Hexenprozeß war eine so heikle und heiße Angelegenheit, daß niemand gewagt hätte, Hexen und Hexenverbrennungen in der Fastnacht zu verulken. Es ist erwiesen, daß die Figur verhältnismäßig spät zur fastnächtlichen Hexe umgebildet wurde. Dieser Vorgang der „Verhexung“ konnte aber erst dann einsetzen, als keine Hexenprozesse mehr stattfanden, also frühestens im 18. Jahrhundert. Zu dieser Umbildung mögen zwei Umstände beigetragen haben: einmal die Fülle von Hexensagen, in denen die Hexe ja irreal und daher ungefährlich ist, und zum anderen der Volksmund, der heute noch eine häßliche alte Frau als Hexe bezeichnet.
Dennoch gibt es immer wieder junge Zünfte, die ihre neu geschaffenen Hexenfiguren mit dem Hinweis auf den letzten Hexenprozess im Ort legitimieren. Dass dies eine Geschmacklosigkeit und Menschenverachtung ersten Ranges ist, erschließt sich ihnen offenbar nicht.

Erstmals in der Schwarzwälder Fastnacht – genauer gesagt hier in Offenburg – erscheinen in Häs und Maske fixierte Hexengestalten zu Beginn der 1930er Jahre. Die Zahl der fastnächtlichen Hexen ist durch den Aufschwung der Fastnacht nach dem zweiten Weltkrieg leider ins Unüberschaubare gestiegen. Neben den historischen Begründungen, die bereits genannt wurden, dürfte die Agilität der fastnächtlichen Hexe, wie sie von den Hexen der alten Zünfte demonstriert wird, die Jugend unserer Zeit ermuntert haben auch zu „hexen“.
Das Häs ist mit Rock und Kittel meist einfach konzipiert, für junge Zünfte günstig zu besorgen und bietet einen breiteren „Aktionsradius“ wie manch andere Fastnachtsfiguren – z.B. den majestätischen Weißnarren – denen es nie in den Sinn käme, in Fenster zu steigen, oder eine Pyramide auf der Straße zu bilden. Durch die alten Vorstellungen ausgelöst, daß die Hexen im Pakt mit dem Teufel stünden, hat sich eine fastnächtliche Teufelsgestalt entwickelt, die in manchen Orten – wie hier in Offenburg – als Einzelfigur die Hexen „meistert“.

Der Hexenbesen

Wie der Knopf zum Hemd, so gehört der Besen zu Hexe. Überall lebendig ist die Vorstellung, daß die Hexen in der Walpurgisnacht auf Besen zu ihren Zusammenkünften reiten. Viele volkstümliche Vorstellungen ranken sich um den Besen, mit dem in ländlichen Gegenden allerlei „magische“ Handlungen vollzogen wurden. So diente er – hauptsächlich aufrecht gestellt – sogar zur Hexenabwehr! Wer sich nicht getraute, über einen liegenden Besen zu schreiten, galt als Hexe. Einen Besen öffentlich durch den Ort tragen zu müssen, galt früher, insbesondere für Ehebrecher, Falschmünzer und andere Betrüger, als Ehrenstrafe. Die Fastnachtshexen parodieren durch das Reiten auf ihren Besen ihre Vorbilder. Sie treiben mit ihren Besen allerlei Unfug und erheitern damit ihre Zuschauer.

Wie lange dauert die Fastnacht – und warum?

Im ganzen schwäbisch-alemannischen Narrenland und auch in der Schweiz und in Tirol fängt sie am Obersta an. Der Obersta ist der 6. Januar. Nach dem christlichen, gregorianischen Kalender fällt auf diesen Tag das Fest der Heiligen Drei Könige, das Erscheinungsfest oder Epiphanie.
Aber wann hört die Fastnacht auf? Auch das ist einfach zu sagen: am Aschermittwoch! Nun ist der Aschermittwoch aber kein fester Tag im Kalender wie der Dreikönigstag; der Aschermittwoch ist beweglich. Bei einem festen Anfang und einem beweglichen Ende dauert demnach die Fastnacht verschieden lang. Es gibt also – wie jeder Narr weiß – kurze und lange Fastnachtszeiten. Der Aschermittwoch ist der erste Tag der 40tägigen Fastenzeit auf das Fest der Auferstehung Jesu von den Toten an Ostern und ist:
– am Mittwoch nach dem Sonntag Estomihi – dem Fasentsonntag – und/oder
– am siebten Mittwoch vor Ostern. (vor dem ersten Fastensonntag Invokavit)
Dabei werden aber nur die Werktage, also keine Sonntage gezählt. Die Zahl 40 findet sich noch in vielen anderen Bibeltexten. Die Ableitung dieser 40 Fastentage, geht auf die vierzigtägige Gebets- und Fastenzeit von Jesus, nach der Taufe im Jordan zurück. In der Fastenzeit ahmt der Christ diese 40 Fastentage von Christus nach. Weitere Ereignisse die 40 Tage andauerten, sind die Wanderung von Elia durch die Wüste und die Tage, die Moses auf dem Berg Sinai verbrachte. Auch das Volk Israels verbrachte 40 Jahre in der Wüste.
Fastnacht, bzw. der Aschermittwoch richtet sich also nach Ostern! Soweit so gut! Aber wie wird der Ostertermin festgelegt? Nun – Ostern ist der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang am 21. März. Ein frühes Ostern bedingt also eine kurze, bzw. auch frühe Fastnacht.

Beispiel 1: Frühlingsanfang ist wie gesagt am 21. März (00:00 Uhr). Der früheste Vollmond nach Frühlingsanfang könnte also demnach am 22. März sein. Wenn dieser 22. März auf einen Samstag fällt, ist der Sonntag danach der Ostersonntag. (am 23. März.) Entsprechend früh würde der Aschermittwoch dann am 3. Februar liegen. Diese Fastnacht wäre mit nur 28 Tagen die kurzmöglichste.

Beispiel 2: Wenn am 22. März jedoch Neumond ist, ist der nächste Vollmond erst am 18. April möglich. Wenn dieser Tag auch noch ein Montag ist, wäre der Ostersonntag erst am 24. April. Entsprechend spät liegt der Aschermittwoch dann am 10. März. In einem solchen Jahr würde die Fastnacht mit 63 Tagen am längsten dauern.

Wenn man vom Ostersonntag 40 Tage zurückrechnet (Sonntage werden nicht gezählt), landet man beim Aschermittwoch.
In manchen Gebieten (z.B. Teile der Schweiz) werden die Sonntage nach der alten Regelung noch mitgezählt. Dadurch wird die Fastenzeit kürzer und man landet beim Mittwoch nach Aschermittwoch. An diesem Tag endet z.B. die Basler Fastnacht. (Daher der Spruch: „… kommt daher wie die alte Fasent.“)

„S‘ geht d’gege!“

Das Ende der Fastnacht am Dienstagabend oder am Aschermittwoch ist dem Narren nur ein kurzer Anlaß zu äußerer Zeitbestimmung und innerer Vorschau. Vom Aschermittwoch ab heißt es wieder „S‘ geht d’gege“, es geht der neuen, der kommenden Fastnacht entgegen. Die Zeit wird also mit jedem verstrichenen Tag kürzer bis zur nächsten Fastnacht. Diese drei Wörtlein verzaubern den Narren und geben ihm die Kraft auszuharren, bis am nächsten Dreikönigstag die Fastnacht wieder neu beginnt.