Die Geschichte der Offenburger Hexenzunft e.V.

Genug Gründergeist besaß das junge Pärchen Pauline und Karl Vollmer um eine Fastnachtsfigur zu schaffen, die sich von den überkommenen Traditionen abheben und vor allem die Straßenfastnacht entscheidend mitprägen sollte. Die Gebräuche des rheinischen Karnevals, der schon längst mit seinen Sitzungen und Ballveranstaltungen in Offenburg Einzug gehalten hatte, bedurften einer Alternative, die den Bürger auf der Straße ansprechen sollte; eine Fastnacht mit wahrhaft sozialem Charakter! Dazu kam noch, dass Pauline und Karl Vollmer nicht minder von einem uralten Narrenruf „Schelle, Schelle Sechser, alli alti Hexe, Narro!“ bestärkt waren. Zu zweit schuf man 1933 mit künstlerischem Geschick für den Rosenmontagspreismaskenball des Karnevalvereins Offenburg die Maske der „Offenburger Hexe“, zunächst nur aus Stramin-Altweiber-Gacemasken, die mit Pappmaché und Glaserkitt umgeformt wurden. Diese später aus Lindenholz geschnitzte Maske wurde mit einem roten weißgepunkteten Kopftuch abgeschlossen, das über ein Drahtgestell in der Form der gotischen Haube gebunden wurde. Sechs Strohzöpfe mit kleinen Schellen sollten charakteristisch für die Offenburger Hexe sein. Rock, Schürze mit Spättlesaum, Ringelstrümpfe, Strohschuhe und Unterwäsche sowie ein Reisigbesen runden das Bild dieser Hexenfigur ab. Ein zweiter Preis war der von ihnen verschmähte Lohn. Aber die Idee ließ sie nicht mehr los.

Daher traten sie beim großen Narrentreffen der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte 1935 in Offenburg als Hexen verkleidet wieder in Erscheinung. Das Ehepaar Vollmer schmuggelte sich mit Hilfe der Gengenbacher Narrenzunft in den Umzug ein und bekam durch das lebhafte Auftreten viel Beifall und Anerkennung aus der Bevölkerung. Noch im gleichen Jahr gesellten sich gleich gesinnte Freunde zu den beiden. Aus der ursprünglichen Idee wurde Wirklichkeit. Die erste Hexenfigur des südwestdeutschen Fastnachtsraumes entstand.

Am Dreikönigstag 1936 wurde in der Wohnung der Hexeneltern die offizielle Gründung der „Offenburger Hexenzunft“ mit Satzung und Hexenregeln durchgeführt. Natürlich gehörte zu einem echten Hexenritual auch ein wohl geplantes Zeremoniell. So wurden die noch heute gebräuchlichen Hexenriten wie Hexenspuk, Hexenfeuer und Besentanz festgelegt, Sprüche am dampfenden Kessel erdacht und die Ehrung der Gäste und „hochgestellten Persönlichkeiten“ durch Stempelung d. h. durch „die Vergabe des ehrenvollen Hexenzeichens“, erfunden. Auch das Häs der Hexe wurde genau festgeschrieben. Aus Lindenholz schnitzte der Elzacher Maskenschnitzer Fritz Disch nach Entwürfen Karl Vollmers die ersten Hexenmasken und arbeitete charakteristische Merkmale des jeweiligen Trägers in die Maske ein.

Im gleichen Jahr entstand die erste Hexenküche. Im Anwesen der „Tante Lina“ alias Frau Pfitzmeier erhielt die Zunft einen Raum, in dem sie werken und planen konnten. Aber auch Gäste wurden künftig hier empfangen und natürlich verhext. Die offizielle Einweihungsfeier fand am 11. Januar 1937 statt. Eine Woche später erfolgte die Aufnahme der jungen Zunft in die Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte.

Die letzte Fasent wurde 1939 durchgeführt, dann setzte der Zweite Weltkrieg dem Narrentreiben ein jähes Ende. Während der Kriegsjahre fand keine Fasent statt. Die erste Hexenküche wurde bei einem Bombenangriff in Schutt und Asche gelegt. Dabei hatte die Hexenzunft unersetzbare Ausrüstungsgegenstände eingebüßt.
Auch nach Kriegsende war zunächst alles Fastnachtstreiben verboten. Schließlich aber hatte die französische Besatzungsmacht im Jahre 1947 ein Einsehen und erlaubte das Feiern in bescheidenem Rahmen, allerdings ohne Straßenfastnacht. Doch die Hexen wussten sich zu helfen. Sie umgingen das Verbot der französischen Besatzungsmacht keine Straßenfastnacht abzuhalten, indem sie aus den Fenstern der Einhorn-Apotheke und der Rentamtsruine Würste und Wecken in die hungrig wartende Menschenmenge warfen. Eine neue Form des Hexenfraßes war gefunden, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreut.

Im Mai 1947 wurde die zweite Hexenküche, die in den Kellerräumen der ehemaligen Tritschlerschen Brauerei unter dem Lindenplatz lag, eingeweiht. Und schließlich genehmigte die französische Besatzungsmacht die Wiedergründung der Hexenzunft im Dezember 1947. Diverse Eingaben der Zunftspitze sowie der Stadtverwaltung auf der französischen Kommandantur bezüglich des Wunsches der Wiederauflebung der Offenburger Fasentbräuche führten zum Erfolg. Die Hexenzunft erhielt für die Fasent 1948 neben der Genehmigung zur Abhaltung der Straßenfasent auch die Genehmigung zur Durchführung einer Ballveranstaltung. Der Hexenball war geboren. Dieser fand noch vor der Währungsreform im Saalbau „Drei-König“ unter dem Motto „Auf der Walpurgisnacht“ statt. Die Gäste brachten Speis und Trank selbst mit. Der Ball wurde zu einem Riesenerfolg.

Seit dieser Neugründung feiert die Hexenzunft Jahr für Jahr ihre traditionellen Veranstaltungen innerhalb der Stadtmauern von Offenburg und ist immer wieder gern gesehener Gast bei diversen Narrentreffen innerhalb der schwäbisch-alemannischen Narrenvereinigung.

1964 war die Hexenzunft zusammen mit der Althistorischen Narrenzunft Offenburg selbst Mitausrichter des Großen Narrentreffens der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte in Offenburg. Am Vorabend wurde der von dem St. Georgener Künstler Willi Dorn geschaffene Narrenbrunnen am Lindenplatz enthüllt.

Außerdem richtete die Hexenzunft 1975 anlässlich ihres 40. Geburtstages erstmals in Eigenregie als alleiniger Gastgeber ein Narrentreffen unter der Schirmherrschaft von Senator Dr. Franz Burda und Oberbürgermeister Karl Heitz aus. Nach Zeitungsberichten säumten bis zu 70.000 Zuschauer die Straßen.

Die zweite Hexenküche fiel der Altstadtsanierung zum Opfer. Dank des Spürsinns, der Organisationsgabe und des Idealismus des damaligen Zunftmeisters Walter Pfeiffer, großzügiger Geldspenden aus der Offenburger Geschäftswelt sowie des enormen Arbeitseinsatzes vieler Zunftmitglieder (insgesamt 7.500 von den Aktiven geleistete freizeitliche Arbeitsstunden) konnte die neue Hexekuchi in den Kellergewölben des Salzhauses schuldenfrei erstellt und pünktlich eingeweiht werden. Mit einem Narrentreffen wurde die Einweihung der neuen Hexekuchi am 01. Februar 1980 gefeiert.

Mit dem Goldenen Hexenfeschd 1985, dem großen Narrentreffen der VSAN 1988 sowie dem 65-jährigen Jubiläum im Jahre 2000 folgten weitere Höhepunkte in Form von Narrentreffen.

Zum 60. Geburtstag im Jahre 1995 richtete die Hexenzunft kein Narrentreffen aus. Stattdessen organisierte sie in vielen Gaststätten der Innenstadt die in Vergessenheit geratenen „Kappeobende“, sogenannte Schnurr- und Schnaigabende, die seither fester Bestandteil der Hexenfasent sind.

Die Hexenzunft sieht es als ihre Verpflichtung an, auch in den kommenden Jahren an den von den Gründern festgeschriebenen und über die Jahre hinweg gewachsenen Bräuchen festzuhalten und Jung und Alt dafür zu begeistern.